03.12.2025 | Das Caritas Bad Mergentheim
Die Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Dr. Saskia Wunderlich und der leitende Oberarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe Dr. Sönke Ebert geben im Interview einen Einblick in die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim.
Um werdende Mütter, Väter und ihre Kinder bestmöglich auf ihrem Weg zu
begleiten, arbeiten die Klinik fürGynäkologie und Geburtshilfe und die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Caritas-Krankenhaus Bad
Mergentheim Hand in Hand. Besonders bei der Betreuung von Frühgeburten, die ab der 32. Schwangerschaftswoche bzw. einem Gewicht von 1.500 Gramm betreut werden
können, spielt die Kooperation der beiden Kliniken eine zentrale Rolle. Wir
haben mit Dr. Saskia Wunderlich und Dr.
Sönke Ebert über aktuelle Herausforderungen und die neuesten
Entwicklungen in der medizinischen Betreuung von Früh- und Neugeborenen
gesprochen.
Frage: Herr Dr. Ebert,
eine Geburt ist immer ein einschneidendes Erlebnis für die Eltern, besonders
aber, wenn ein Kind sehr früh zur Welt kommt. Wie viele Frühgeburten betreuen
Sie jährlich im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim?
Dr. Sönke Ebert:
„Die Anzahl der Frühgeburten hat in den letzten Jahren leicht zugenommen.
Während es im Jahr 2020 noch 84
Frühgeburten (7,4 % der Geburten) waren, haben wir 2023 102 Frühgeburten versorgt (8,0 %).
Diese Babys und ihre Mütter betreuen wir in Bad Mergentheim durch unsere enge
Zusammenarbeit mit der Klinik für
Kinder- und Jugendmedizin und die direkte räumliche Nähe im Haus A direkt nach
der Geburt neonatologisch und intensivmedizinisch. Wir haben auch die
Möglichkeit in zwei neomaternalen Einheiten auf der Kinderintensivstation
Mütter und Kinder gemeinsam zu betreuen.“
Frage: Herr Dr. Ebert,
hat sich die Arbeit in der Gynäkologie und Geburtshilfe in den letzten Jahren
verändert und wie reagieren Sie auf diese Veränderungen?
Dr. Sönke Ebert:
„Ja, die Zentralisation der Versorgung
hat dazu geführt, dass wir im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim zunehmend
mehr gynäkologische und geburtshilfliche Notfälle versorgen. Dabei führt ein wachsender Anteil an Risikoschwangerschaften zu
einer leicht steigenden Kaiserschnittrate.
Ursachen für Risikoschwangerschaften sind unter anderem gesundheitliche
Faktoren wie Hypertonus (Bluthochdruck),
Schwangerschaftsdiabetes oder Adipositas (Übergewicht). Zudem steigt
auch der Beratungsbedarf der
werdenden Eltern, vor allem, weil das Angebot an externen
Geburtsvorbereitungskursen und Nachsorgehebammen in der Region abnimmt. Deshalb
bauen wir unsere Elternschule kontinuierlich weiter aus und bieten Eltern
zusätzliche Unterstützung zum Beispiel auch durch ambulante Hebammen- und Stillsprechstunden an. In unserem Team
arbeiten Hebammen, Ärzte, Kinderkrankenpflegekräfte
und Therapeuten, um eine familienorientierte
Geburtsbegleitung zu ermöglichen. Denn eine zeitgemäße und fachlich korrekte Vorbereitung ist entscheidend,
damit die Eltern aktiv an der Geburt teilnehmen können, eine realistische Erwartungshaltung entwickeln und
gezielt auf mögliche Komplikationen
vorbereitet sind. Ich kann werdenden Eltern nur ans Herz legen, die kostenlosen Angebote wie Eltern-Infoabende, die präpartale Vorstellung, die
Hebammensprechstunde oder auch kostenpflichtige Seminare wie
Geburtsvorbereitungskurse oder
Säuglingspflegekurse schon vor der Geburt in Anspruch zu nehmen. Oft
werden die Kosten für diese Veranstaltungen auch von den Krankenkassen
übernommen.“
Frage: Herr Dr. Ebert,
was sind die größten Herausforderungen in Ihrer täglichen Arbeit im Bereich
Geburtshilfe und wie gehen Sie damit um?
Dr. Sönke Ebert:
„Eine der größten Herausforderungen ist momentan die hohe Arbeitsbelastung bei gleichzeitigem Personalmangel. Unser Team setzt mit einem hohen persönlichen
Engagement alles daran, unsere hohen
medizinischen Standards nicht nur zu halten, sondern die Klinik für
Gynäkologie und Geburtshilfe auch kontinuierlich weiterzuentwickeln. Wir haben
im ambulanten Bereich Unterstützung von zwei Krankenpflegerinnen, die vor allem
die präpartale Sprechstunde betreuen und außerdem auch großartige Unterstützung
durch Reinigungskräfte, das Dienstleistungszentrum sowie durch
Krankenpflegepersonal auf der Wochenbettstation B2. Auch die enge und
vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Anästhesie und OP-Pflege ist ein enormer
Zugewinn für eine hervorragende Versorgung unserer Patientinnen und Patienten.
Eine der größten Aufgaben auf unserer Station ist aktuell die Umsetzung der Digitalisierung im Kreißsaal
und auf der Station B2 sowohl in Bezug auf die Arbeitsabläufe als auch auf die technische Ausstattung.“
Frage: Frau Dr.
Wunderlich, Sie stehen mit Ihrem Team bereit, sobald die Kolleginnen und
Kollegen der Geburtshilfe ein Frühgeborenes auf die Welt geholt haben. Können
Sie uns die Zusammenarbeit zwischen den Kliniken für Gynäkologie und
Geburtshilfe sowie Kinder- und Jugendmedizin im Caritas-Krankenhaus
beschreiben?
Dr. Saskia Wunderlich:
„Die interdisziplinäre Zusammenarbeit
ist für uns von entscheidender Bedeutung. Wir erhalten frühzeitig Informationen über Risikoschwangerschaften und
Hochrisikoverläufe, was uns ermöglicht, gezielt und frühzeitig zu handeln. Wir
besprechen den Verlauf in regelmäßigen Fallbesprechungen
und Perinatalkonferenzen. Auch
eine palliative Begleitung von werdenden Eltern ist so möglich. Diese wirklich
enge Zusammenarbeit sorgt dafür, dass wir schnell und effizient handeln können, wenn es um die Sicherheit von Mutter und
Kind geht.“
Frage: Frau Dr.
Wunderlich, Sie haben in den letzten Monaten das intensivmedizinische und
neonatologische Angebot der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin stetig
erweitert. Welche neuen Entwicklungen gibt es in der neonatologischen
Versorgung?
Dr. Saskia
Wunderlich:
„Ein entscheidender Fortschritt war die Einführung des Transportinkubators für Neugeborene und Kleinkinder, der uns
erlaubt, Frühgeborene lückenlos, sicher und stabil in außenliegenden
Geburtskliniken abzuholen. Wir sichern in der ländlichen Fläche eine gute
Versorgung, auch für Neugeborene, die nicht im Caritas-Krankenhaus entbunden
werden. Im Rahmen des „Kindernotärzt*innenprojektes“ sichert die
Kinderintensivstation außerdem zwischen
08:00 und 16:00 Uhr auch die Versorgung in der Fläche ab.
Auch die Schmerztherapie entwickeln wir
kontinuierlich weiter: Wir setzen gezielt nicht‑medikamentöse Verfahren und
individuell angepasste Schmerzpläne ein, sodass die kleinen Patienten möglichst
wenig Schmerz erleben und so Traumata vorgebeugt werden. Wir versuchen aktuell
über Spendengelder Projektoren zu kaufen, die individualisiert (z.B. mit
eigenen Familienbilder) die Patientenzimmer ausleuchten, denn groß angelegte
Studien zeigen, dass das den Medikamentenbedarf reduzieren kann.
Zusätzlich
haben wir unsere Beatmungstechnik modernisiert: Unsere neuen Beatmungsgeräte bieten verbesserte
Parametersteuerung und schonendere Beatmungsmethoden auch für Säuglinge und mit
dem neuen AEG-Gerät (Amplituden‑Elektroenzephalogramm)
können wir nun die Hirnaktivität der Frühgeborenen früh und zuverlässig
überwachen. So erkennen wir neurologische Auffälligkeiten noch früher und
können gezielt intervenieren. Diese Maßnahmen sind Teil unserer Strategie, die
Qualität der intensivmedizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen und
Früh- und Neugeborenen weiter zu steigern und für alle schwer erkrankten
pädiatrischen Patienten in der Region die beste medizinische Versorgung zu
schaffen.“
Frage: Was sind Ihre persönlichen und beruflichen
Ziele für die Zukunft der beiden Kliniken am Standort Bad Mergentheim?
Dr. Sönke Ebert:
„Wir möchten unsere Geburtsangebote
weiter ausbauen und den werdenden Eltern noch mehr Optionen bieten, damit sie
die Geburt natürlich und sicher
erleben können. Dafür haben wir auch in der Geburtshilfe in neue Technologien
wie Ultraschalldiagnostik inklusive fetomaternale Dopplersonographie
investiert. Die Dopplersonographie ist eine spezielle Art der
Ultraschalluntersuchung, bei der wir vor der Entbindung den Blutfluss zwischen
Mutter und dem Baby überprüfen können und auch während der Geburt eine
ausreichende Versorgung des Babys feststellen können. Außerdem verfügen alle unsere Kreißsäle über
eine kabellose CTG-Ableitung sowie eine zentrale CTG-Überwachung, die die
Herzfrequenz des Babys, die Wehentätigkeit und die Vitalparameter der Mutter
misst. Wir wollen unser Hebammenteam weiter aufbauen und bilden derzeit auch
Studentinnen der Hochschulen Nürnberg und Aschaffenburg in
Hebammenwissenschaften aus. Unser Team bildet sich ständig weiter durch
regelmäßige Fortbildungen, Simulationstrainings sowie Team- und Fallbesprechungen.
Außerdem erweitern wir auch das geburtshilfliche Angebot im Hinblick auf
Schmerzmittel und alternative Analgesie (Schmerzlinderung ohne Verlust des
Bewusstseins), Gebärpositionen – wir haben einen sogenannten „BeUp“-Kreißsaal
eingerichtet – und Einleitungsmethoden. Auch die digitale Dokumentation wollen wir weiterentwickeln, um die Sicherheit und Effizienz zu erhöhen.
Besonders möchte ich aber nochmal die Bedeutung der Prävention hervorheben: Das ist ein weiterer Schwerpunkt, bei dem
wir in den kommenden Jahren noch mehr Aufklärung
und Angebote bieten werden.“
Dr. Saskia
Wunderlich:
„Für die Zukunft möchte ich die etablierte
Rolle der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Caritas-Krankenhaus als
führende Anlaufstelle für Neonatologie und mit starker Intensivmedizin
weiter ausbauen und in Zusammenarbeit
mit der Gynäkologie in unserem gemeinsamen Mutter-Kind-Zentrum weiterhin als zentraler Versorger der Region agieren. Damit unsere neonatologische Versorgung weiterhin
auch durch den Einsatz von innovativen
Technologien auf höchstem Niveau bleibt, muss in Strukturen, Geräte und
die Ausbildung von jungen Ärztinnen und Ärzten sowie von Pflegekräften
investiert werden. Wir streben zudem die weiterführende Entwicklung von neuen Schwerpunkten in der Intensivpflege und fortlaufende Weiterbildung unserer
Teams an, um die bestmögliche Betreuung der kleinen Patientinnen und Patienten
zu gewährleisten. Eine starke Elternschule
und eine noch familienfreundlichere
Geburtsbegleitung gehören ebenfalls zu unseren langfristigen Zielen.
Insbesondere
in den Bereichen der palliativen pädiatrischen Versorgung möchte ich unser
Krankenhaus gemeinsam mit Dr. Ebert weiter entwickeln. Ein besonders wichtiger
Bereich ist die emotionale Belastung
bei lebensbedrohlichen Erkrankungen, auch für die Kolleginnen und
Kollegen, die die Arbeit mit kranken
oder frühgeborenen Kindern und ihren Familien mit sich bringt. Die Unterstützung dieser Familien ist ein
zentraler Bestandteil unserer Arbeit, und unser Ziel ist es, sie körperlich und emotional zu begleiten.
Wir wollen diese Familien im übertragenen Sinne an die Hand nehmen und sicherstellen, dass sie nicht nur
medizinisch, sondern auch seelisch bestmöglich unterstützt werden. Regelmäßig
besucht eine Babylotsin Mütter, die frisch entbunden haben, um mit ihnen auf
Wunsch über Unterstützungsmöglichkeiten auch aus dem sozialen Bereich zu
sprechen. Die große Dankbarkeit der
betroffenen Familien ist eine riesige Energiequelle für uns alle, die uns hilft, auch in schwierigen
Momenten, die es in der Geburtshilfe und der intensivmedizinischen Arbeit immer
wieder auch gibt, weiterhin mit vollem Engagement zu arbeiten.“
Wir bedanken
uns herzlich für diese intensiven und ehrlichen Einblicke. Die Klinik für
Gynäkologie und Geburtshilfe öffnet ihre Türen für die interessierte
Öffentlichkeit an einem „Tag der
offenen Tür“ am 28. Februar 2026.
Dann haben Gäste die Gelegenheit, die innovative
Arbeit kennenzulernen und sich persönlich von den neuesten Entwicklungen
in der Geburtshilfe und auch der
Neonatologie zu überzeugen.
Auf dem Foto zu sehen: Die Teams der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Klinik
für Kinder- und Jugendmedizin am Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim mit
Chefärztin Dr. Saskia Wunderlich (4.v.l.) und dem leitenden Oberarzt Dr. Sönke
Ebert (2.v.r.) sowie dem Pflege- und Hebammenteam machen durch ihren
persönlichen Einsatz das Caritas-Krankenhaus zum zentralen geburtshilflichen
Versorger in der Region.